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Pandora Frequenz 3 – die Büchse der Pandora

"Pandora Frequenz" wie der Titel schon sagt, beinhaltet auch die mythologische Pandora. Von daher ist es auch eine Auseinandersetzung mit den unheilvollen Projektionen und Konstrukten die Frauen und die weibliche Sexualität behaften.

Die hellenistische Pandora ist mit der alttestamentarischen Eva verwandt. Im Mythos wird Pandora auf Anweisung von Zeus aus Lehm geschaffen um sich an Prometheus für das gestohlene Feuer zu rächen. Sie ist die erste Frau der Welt, wird als schön, dumm und böswillig bezeichnet. Sie heiratet Prometheus Bruder, ihr wird eine geheimnisvolle Büchse mitgegeben die sie auf gar keinen Fall öffnen soll. Sie tut es dennoch, in der Büchse befinden sich alle nur erdenklichen Plagen (Tod, Alter, Krankheit, Irrsinn, Laster) und somit kommt das Übel auf die Welt.  

Die Büchse der Pandora steht durch die Assoziation mit dem weiblichen Geschlecht für schicksalsträchtige Ereignisse die in Zusammenhang mit dem weiblichen Körper entstehen.

Die ”Büchse”, das ”Kästchen”, das ”Gefäß” wird dabei oft als das weibliche Genital gedeutet. Freud setzt in seinen Traumdeutungen Gefäße mit Frauen gleich. Für ihn stehen Büchsen, Kästchen, Dosen, Schachteln, Körbe als Symbole des Wesentlichen an der Frau und darum für die Frau selbst. Das weibliche Genital ist für ihn darstellbar „durch all jene Objekte die seine Eigenschaft teilen einen Hohlraum in sich einzuschließen, der etwas in sich aufnehmen kann.“ Er reformuliert somit  einen Weiblichkeitsmythos den er vollkommen unanalysiert lässt. Trotz seines Wunsches leidensstiftende Konstellationen aufzulösen sind seine Analysen eine Mischung von Aufklärung und Mythisierung. 
Von Büchsen und Containern
Christa Rhoder-Dachse analysierte Freud mit Freud. Sie untersuchte das Unbewusste seiner Theorie. Der Schluss zu dem sie kommt ist dass das Weibliche „als Ergänzungsbestimmung eines sich als absolut setzenden Männlichem (=Menschlichen) in Erscheinung tritt.“ Männlichkeit wird als Identität, Essenz und Ganzheit behauptet, Weiblichkeit als Mangel, als das Andere, Fremde, Nicht-Identische. Dabei stellt Freud ein geschlossenes System auf das jegliche Kritik als Penisneid abweist. Dem Zugrunde liegt eine „Abwehrkonstellation“ innerhalb derer dem Weiblichen „das aus der männlichen Selbstdefinition Ausgeklammerte, Verpönte, Abgewehrte zugewiesen wird.“ Die Frau wird zur Projektionsfläche und zum ‘Gefäss’ männlicher Fantasien. Diesen Vorgang beschreibt Christa Rhoder-Dachse mit dem Begriff “Container”. Der Pandora Mythos beinhaltet eine solche Containerfunktion in der der Mann das was er fürchtet – Krankheit, Tod und Sterblichkeit – auf die Frau projiziert. In der Inszenierung “Pandora Frequenz” können die Kisten sowohl als Weiblichkeitssymbol im Freudsche Sinne gelesen werden wie als plastisch gewordene Containerfunktion. Gleichzeitig entspricht das Schwingen und Rollen der Kugeln, die Unvorhersehbarkeit des Materials, die permanente Instabilität und die momentanen Explosionen dem Konvulsivischen Schönheitsideal der Surrealisten.
Die konvulsivische Schönheit
Dieses Schönheitskonzept entwurf André Breton nach seiner kurzen und heftigen Beziehung mit einer rätselhaften Frau – “Nadja” – die später in eine Irrenanstalt landete und zu Bretons Roman Figur wurde. Mit konvulsivischer Schönheit meinte Breton den Höhepunkt eines hysterischen Anfalls, in dem sich die heftigen Muskelzuckungen des weiblichen Körpers plötzlich kataleptisch versteifen. Er sah darin die Vereinigung der Gegensätze von Explosion und Erstarrung. Gleichzeitig wurde dies mit dem “außer sich sein” der erotischen Ekstase verbunden. Der hysterische Anfall stand dabei für die Befreiung der unterdrückten Sexualität und des Unbewussten. Im Weltbild der Surrealisten wurde die Hysterie somit zu einer großen poetischen Entdeckung verklärt. In der Realität war sie genau das Gegenteil. Eine Projektionsfläche für Weiblichkeitskonstrukte die die Frau als Schauspielerin, Lügnerin und verkörperte Sexualität definierte. Und doch haben die Surrealisten, trotz des pandorischen Ursprungs ihres Schönheitsbegriffs, etwas geschaffen was sich der klassischen Definition von Schönheit diametral entgegenstellte.
Othering
“Pandora Frequenz” nutzt die Mittel der Surrealisten und hinterfragt gleichzeitg traditionelle Weiblichkeitskonstrukte. Somit setzt die Inszenierung genau da an wo die Grenzen der surrealistischen Revolution stattfand. Gleichzeitig bleibt es bei einer produktiven Fragestellung, die genau diese Grenzen herausfordert und den surrealistischen bildnerischen Mitteln gerecht wird. ”Man kann den Surrealismus als die nie zuvor unternommen Fragestellung des Begehrens in all seinen Erscheinungsformen betrachten” schrieb Kritikerin und Schriftstellerin Annie Lebrun (und grenzte sich gleichzeitg von der traurigen Schwulenfeindlichkeit ab die Breton mit so einiegen seiner Surrealisten teilte). Xavière Gauthier meinte dagegen “die Surrealisten stellten wenig die phallischen Mythen in Frage die eine der solidesten Grundlagen unserer bürgerlischen Gesellschaft sind”. Und beide Aussagen stimmen gleichermassen! 

Es fiel den Surrealisten tatsächlich schwer das Regime einer binären, zweigeschlechtlichen, hierarchischen, heterokomplementären Geschlechterdifferenz, mit dem Phallus als alles organisierende Prinzip, in Frage zu stellen, weil sie selber davon profitierten! Eine Voraussetzung für eine tiefgreifende Veränderung liegt wahrscheinlich darin zu verstehen was es bedeutet privilegiert zu sein. Schliesslich betrifft der Mechanismus des Verdrängens und Projizierens unerwünschter Eigenschaften auf Schattenfiguren nicht nur Frauen, sondern auch Homosexuelle, Transsexuelle, Prostituierte, Schwarze, Juden, Moslems, Ainous, Tutsis, und und und….  Diesen Vorgang hat die Kulturthoretkerin Gayatri Chakravorty Spivak als “Othering” analysiert, der meist unbewusst aufkommt um Herrschaftverhältnisse zu stabilisieren. Das “Andere” muss als solches konstruiert werden um das “Eigene” herauszubilden. Dem “Anderen” wird nicht nur Anerkennung verweigert sondern auch Unterwerfung vorgeschrieben. Diese Repräsentationstraditionen die den “Anderen” assymetrisch untergeordnet festschreiben müssen als solche entlarvt werden. Denn dort wo genau diese Konstrukte als solche entnaturalisiert werden entstehen Freiräume….

Pandora öffnet die Büchse und zerlegt wieder und wieder das Begehren und das was es verschleiert….

Ideologien, Ängste, Wünsche, Strategien die Weiblichkeit als das “Andere” konstituieren…. Vielleicht ist genau dies der Anfangspunkt dür eine weitere, leisere und tiefgreifendere Revolution….

 

 

 

 

 

 

 

Prolog

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Kommentare

  • Julia Raab 29 | 11Julia :) I remember. Danke für den Beitrag.
  • User Avatar 12 | 04RiCo Toll gespielt, super dargestellt und das auch noch lustig verpackt! Da gibt es nichts zu meckern :- ) Supi
  • Pie 09 | 10Pie Spielt ihr eigentlich noch manchmal, oder lernt ihr nur?
  • Julia Raab 12 | 05 Hey, das klingt cool. Würde es sehr gerne sehen, bin auch in Bochum bis zum 18. aber fahre schon gegen 14:00 Uhr zurück nach Halle....
  • Pie 02 | 12Pie Naja, "Apokalypse" wird laut Recherche übersetzt als: Enthüllung, Entschleierung, der Schleier wird gelüftet, Offenbarung. Du als Sprachler kannst warscheinlich besser nachvollziehen, ob es ein Substantiv...