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Pandora Frequenz 2 – Die Spiele der Frauen

In seinem Ursprung war der Surrealismus eine literarische Bewegung die durch die traumatischen Kriegserfahrungen nicht hinnehmen konnte, dass die Dichter weiter die ''Schönheit'' besingen sollten als ob nichts geschehen wäre. Die Bewegung wurde 1921 in Paris gegründet und vom Schriftsteller André Breton geführt. Sie suchte im Traum, in den Tiefen des Unbewussten und im Zufall nach einer neuen Sprache. Die Surrealisten liessen sich vom Unheimlichen und Monströsen faszinieren. Sie experimentierten mit Rausch, Hypnose, Spiritismus, suchten nach einem automatischen, nicht vom Verstand gesteuerten Schaffungsprozess.

Sie brachen mit den Wahrnehmungscodes ihrer Zeit. “Grenzen sind gefallen in denen Worte in Beziehung treten zu Worten, Dinge in Beziehung zu Dingen. Ein Prinzip ständiger Verwandlung hat sich der Dinge wie der Ideen bemächtigt und zielt auf ihre totale Befreiung ab, die die des Menschen impliziert.” schrieb André Breton. Ende der 20er Jahre trat die Erotik ins Zentrum des surrealistischem Interesse. Ab den 30er Jahren schloss sich eine Reihe von jüngeren Künstlern der Bewegung an, allen voran Salvador Dali, und der Schwerpunkt verlagerte sich langsam von der Dichtung auf die Bildende Kunst.

Frauenbild im Surralismus und Frauen im Surrealismus.

Die Dominanz des Erotischen im Weltbild der Surrealisten stand allerdings nicht zwangsläufig für Emanzipation. Die “surrealistische Frau” war eine Projektion, ein männliches Fantasiekonstrukt. Den “realen” Surrealistinnen fiel es schwer von ihren männlichen Kollegen ernst genommen zu werden. Als Musen, Geliebte und Schülerinnen waren sie in der Gruppe willkommen, als eigenständige Künstlerinnen mussten sie sich ihren Platz erkämpfen. Für keine von ihnen war es ein schmerzfreier Weg…. André Breton sah die Frau als ein Wesen, das durch eine mystische Verbindung zur Natur den dunklen, magischen Kräften des Unbewussten nahe stand. Für ihn diente die Frau als Muse und Mittlerin den im Geist verfangenem Mann. Er idealisierte zwar die Figur des Androgynen, war jedoch im rigiden Dualismus seiner Zeit von männlichem “Geist” und weiblicher “Natur” gefangen, der den Frauen nur schwer eine eigene Fähigkeit zur schöpferischen Umsetzung eingestehen konnte. In seiner Schrift “Surrealismus und Malerei” erwähnte er keine einzige Frau. Noch heute wird der weibliche Beitrag zum Surrealismus weitgehend verdrängt. Dabei gehören alleine schon Dora Maars verstörende Fotografie “Bildnis von Ubu” und Meret Oppenheims von Pelz überzogene Tasse “Das Frühstück im Pelz”, die beide 1936 entstanden sind, zu den Ikonen des Surrealismus.

In den Augen der Surrealistinnen hatte das Ideal des Androgynen eine viel grössere Notwendigkeit und dadurch eine stärkere Subversionskraft. Als Frauen waren sie von den unbewussten Unterdrückungsmechanismen direkt betroffen.  Meret Oppenheim verteidigte die “Androgynie des Geistes”. Für sie sprach aus einem Kunstwerk “immer der ganze Mensch. Und dieser ist sowohl männlich als auch weiblich.” Claude Cahun spielte in ihren Fotografien mit den Identitäten, übertrieb Weiblichkeit oder trieb  geschlechtliche Undefinierbarkeit bis zum Äussersten. “Männlich, weiblich? Aber das kommt auf den jeweiligen Fall an! Neutrum ist das einzige Geschlecht das mir immer entspricht” schrieb sie.  Die Malerin Leonor Fini sah sich selbst “von einer ganz ausgeprägten Zwitternatur, ein wenig Mann, ein wenig Frau”, stellte androzentrische Männlichkeitszwänge in Frage und verabscheute die extreme Homophobie von André Breton.

Der Streit um den “ganzen” Körper.
Körperkonstrukt in Pandora Frequenz

Der unsichtbar gemachte Beitrag der weiblichen surrealistischen Künstlerinnen erklärt vielleicht weshalb das Frauenbild im Surrealismus ein so dermassen umstrittenes Thema bleibt !!!

Es spaltet die Frauenbewegung wie die Kunsrgeschichte. Auf der einen Seite stehen Kunstkritikerinnen wie Xavière Gauthier, Renate Berger und andere die in ihren Analysen die Frauenfeindlichkeit im Surrealismus herausarbeiteten. Für sie haben die Surrealisten in ihren Werken  den weiblichen Körper aus Angst und Hass angegriffen und entstellt. Renate Berger stellte der künstlerischen Freiheit den weiblichen Körper zu partikularisieren die sexuelle Integrität der Frau gegenüber.

Auf der anderen Seite hebten Kritikerinnen wie Sigrid Schade, Silke Wenk, Annie LeBrun und andere die Dekonstruktion bürgerlicher Totalitätsprinzipien hervor. Besonders Sigrid Schade betonte, dass mit diesen visuellen Formen keine “Destruktion” gezeigt werden soll, sondern die “Dekonstruktion des Phantasmas vom ‘ganzen Körper’ “. Dabei kritisierte sie besonders die moralisch argumentierende Abwehr die in der Frauenbewegung entstand. Sie sah darin eine Richtung die gefährlich nah an der der “Entarteten Kunst” der Nazis argumentierte. Diese pathologisierten die Moderne Kunst um ihr “deutsche”,”ganze”,”heile”, ”idealisierte”, “reine” Körperbilder gegenüberzustellen.

Natürlich ist die Diskussion an sich noch wesentlich komplexer und lässt sich nicht auf zwei eindeutige Positionen reduzieren…

Xavière Gauthier räumt Bellmer ein als einzigen  Surrealisten traditionellen Darstellungen des Weiblichen entgangen zu sein. Renate Berger legt Bellmer im Gegenzug dessen einen geradezu pathologischen Destruktionstrieb nahe. Und Sigrid schade übernimmt zum Teil die Analysen Xavière Gauthiers was die Ambivalenz der Surrealisten betrifft die trozt moderner Verfahren tradierte Frauenbilder wiedergaben.

In ihrem wunderschönen Buch “Die Spiele der Frauen” lässt Karolin Hille beide Sichtweisen gelten, besteht allerdings darauf dass die Surrealistinnen in ihren eigenen Werken auf den ganzen, heilen, intakten Frauenkörper geradezu beharrten. Sie deutet dies als eine Selbstvergewisserung der eigenen weiblichen Identität und des eigenen Körpers. Sie macht daraus ein gemeinsames, zu verallgemeinerndes Merkmal der extrem unterschiedlichen Werke der Künstlerinnen im Surrealismus.

Diese Auffasung darf jdeoch in Frage gestellt werden! Frida Kahlos Bilder zeigen nicht wirklich den ‘intakten’, ‘unbeschädigten’ Körper, und wenn Claude Cahun, eine der spät gefeierten Surrealistinnen, schreibt Ich lasse mir den Kopf kahlscheren, die Zähne ziehen, die Brüste entfernen. Alles, was meinen Blick stört oder beunruhigt: den Magen, die Eierstöcke, das bewusste abgekapselte Hirn” zeugt das ebenfalls nicht von einem sonderlich ‘ganzen’ und ‘heilen’ Körperbild. Letztenendes ist es vor allem Karolin Hille die auf den intakten weiblichen Körper in den Werken der Surrealistinnen beharrt.

Ein zu verallgemeinerndes Merkmal wäre vielmehr, dass sich alle Surrealistinnen in der Kunst in einer männlichen Institution und Tradition befinden in der der weibliche Körper als traditionelles Kunstobjekt überrepräsentiert ist. So müssen sie sich mit einer Vielzahl von Fremdbildern auseinandersetzen, die vorgegebenen Weiblichkeitsentwürfe beinhalten die in ihnen äusserstes Unbehagen auslösen. Die häufige Wahl des Selbstbildnisses deutet insofern mehr auf eine fortlaufende Auseinandersetzung als auf eine festgelegete Selbstvergewisserung hin.

Die KRAFT DER VIELDEUTIGKEIT

Spannend an Antje Töpfers und Florian Feisels Arbeit ist jedoch, dass sie beide Sichtweisen erfüllen kann.

Ich kann in dem Spiel zwischen Antje Töpfer und der zestückelten Puppe sehen, dass sie sich mit vorgegebenen Frauenbildern auseinandersetzt, die ihr ein verzerrtes Selbstbild spiegeln. Ich kann darin lesen, dass sie ihren eigenen ‘ganzen’, ‘zusammenhängenden’, ‘intakten’, ‘heilen’ Körper dem künstlichen, fragmentarischen Körper der Puppe gegenüberstellt und somit auf  eine ‘Selbstvergewisserung’ schliessen die die ‘sexuelle Integrität’ der Frau beinhaltet.

Ich kann im ständigen konstruieren und dekonstruieren, bauen und auflösen der Puppenteile, Kisten und Kugeln aber auch eine immer beängstigendere Unmöglichkeit sich in einem “ganzen” Selbstbild zu fassen lesen. Oder um es mit Sigrid Schades Worten auszudrücken: ich kann im fragmentarischen Ansatz eine Verweigerung des Spiegelbilds das keine Intaktheit mehr garantiert erkennen.

Und beides funktionniert gleichermassen!

Mit «Pandora Frequenz» gelingt eine Ausseinandersetzung mit Bellmers Puppe die gleichzeitg wie eine indirekte Hommage an den Surrealistinnen aufgefasst werden kann.

Prolog

Willkommen auf der studentischen Webseite des Studiengangs Figurentheater in Stuttgart!

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Kommentare

  • Julia Raab 29 | 11Julia :) I remember. Danke für den Beitrag.
  • User Avatar 12 | 04RiCo Toll gespielt, super dargestellt und das auch noch lustig verpackt! Da gibt es nichts zu meckern :- ) Supi
  • Pie 09 | 10Pie Spielt ihr eigentlich noch manchmal, oder lernt ihr nur?
  • Julia Raab 12 | 05 Hey, das klingt cool. Würde es sehr gerne sehen, bin auch in Bochum bis zum 18. aber fahre schon gegen 14:00 Uhr zurück nach Halle....
  • Pie 02 | 12Pie Naja, "Apokalypse" wird laut Recherche übersetzt als: Enthüllung, Entschleierung, der Schleier wird gelüftet, Offenbarung. Du als Sprachler kannst warscheinlich besser nachvollziehen, ob es ein Substantiv...