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Pandora Frequenz 1 – Die Spiele der Puppen -

Ende Januar wurde im FITZ « Pandora Frequenz » gespielt, eine "szenische Menschen Körper Collage" von der Figurenspielerin Antje Töpfer, in der Regie von Florian Feisel. Ausgangspunkt der Inszenierung ist die Arbeit des bildenden Künstlers und Surrealisten Hans Bellmer. Dieser befasste sich in etlichen Zeichnungen, Graphiken, Skulpturen und Fotografien mit erotischen Darstellungen verzerrter Körper. Meist sind es zerstückelte Mädchen- und Frauenleiber.

 Im Laufe der 1930er-Jahre fängt Bellmer an grosse Gliederpuppen zu konstruieren. Die erste Puppe fertigt er in fast real Grösse an, sie ist etwa 1 Meter 40 gross, zusammen gesetzt aus Holz, Metall, Leim und fertigen Schaufensterpuppenteilen. Diese Form radikalisiert er nach und nach mit seinen weiteren Puppen, die komplexer in ihrer Konstruktion werden. Sie brauchen keine Automatisierung mehr und kommen mit einem zentralen Kugelgelenk aus. Er fotografiert sie im Wald, nackt, in Unterwäsche, auf dem Boden liegend. Manchmal tragen sie Fetischhafte Kleidungsstücke, die ihnen einen Lolitacharakter verleihen. Häufig wird die Puppe ohne Kopf mit gedoppeltem Unterleib gezeigt. Eine Kugel stellt den Bauch da, an ihr können zwei weitere Beckenteile angegliedert werden, vier Hüften, vier Beine. Alle Puppen sind zerlegbar, ständige Neuanordnungen und Deformationen werden möglich.

Annagrammatik des Körpers

Bellmer überträgt das Sprachspiel des Annagrams auf die Bildsprache und irritiert somit traditionelle Sehgewohnheiten. Im Anagramm werden die Buchstaben durcheinander geschüttelt, so dass an der Eindeutigkeit des Satzes und des Sinns gerüttelt wird. Der Satz wird veränderbar, öffnet sich der Vieldeutigkeit. Dieses Prinzip übersetzt Bellmer bildlich mit  seinen Puppen. 1934 schreibt er: “Anagramme sind Worte und Sätze, die durch Umstellen der Buchstaben eines gegebenen Wortes oder Satzes entstanden sind [...] Offenbar kennt der Mensch seine Sprache noch weniger, als er seinen Leib kennt: Auch der Satz ist wie ein Körper, der uns einzuladen scheint, ihn zu zergliedern, damit sich in einer endlosen Reihe von Anagrammen aufs Neue fügt, was er in Wahrheit enthält.”

Der fragmentierte Körper. 

In der Inszenierung ”Pandora Frequenz” geht Antje Töpfer die innenwohnende Gewalt des Stoffes beeindruckend nüchtern an. Dabei hat sie keine der Original Puppen nachgebaut, sondern eine neue Puppe nach ihren eigenen Körpermassen angefertigt hat.

Bellmers Puppe Sie zerlegt die Puppe in dem sie  sie fragmentiert und  auf bestimmte Elemente ihrer Zusammenstellung reduziert. Die Kugeln, die bei Bellmers Puppen als sichtbares Kugelgelenk dienen, werden hier als eigenständiges Objekt in ihrer klaren geometrischen Form untersucht. In einer Sequenz kommen immer mehr und mehr Kugeln unterschiedlicher Grösse angerollt, sie haben etwas Bedrohliches, allein das Geräusch der anrollenden Kugeln ist beängstigend. Es zeugt von der Unbeherrschbarkeit des Materials, vermittelt ein Gefühl von fehlender Stabilität.

In einer anderen Sequenz lässt sie alle Kugeln in ihr schwarzes Kleid verschwinden, sogar die Riesenkugel für den Bauch. Dabei kommt es zu einer seltsamen Entstellung, ein obsessives Sich-Einverleiben des Materials das über die Grenzen des für möglich gehaltenem geht. Es kommt zu einer Art Geburt die wie eine Explosion aus ihrem Körper bricht, die Kugeln fallen alle wieder aus ihr. Bild von Big Bang, Ursprung der Welt. 

Im Kontrast zu den rollenden Kugeln stehen Holzkisten aus klaren kubischen Formen die wie russische Puppen perfekt ineinander passen. Sie baut sie immer wieder auf und ab, setzt ihren eigenen Körper in Beziehung zu ihnen, schafft neue Räume, konfrontiert diese mit den  künstlichen Körperteilen der zerlegten Puppe. Aus einem eckigen kubischen Radio das in die kleinste Kiste passt, kommt eine Stimme, vermutlich ist es Bellmers Text den man hört, oder einer von seiner Partnerin Unica Zürn, die ebenfalls Künstlerin und Schriftstellerin war, das Wort «Frauenzimmer» wird wörtlich genommen, die Frau in Räume eingeteilt, reduziert, gewandelt und wieder aufgelöst. pandora_fquz_2____ff

Wenn sie die Kisten der Grösse nach in einer logischen Reihenfolge aufbaut, die Kugeln scheinbar willkürlich einordnet, verschiedene Körperteile im Raum dieser Kisten platziert ist es wie ein vergeblicher Versuch die Welt doch noch in den Griff zu kriegen. Mittels Magneten können die Kugeln und die verschiedenen Körperteile zusammengesetzt werden. Seltsame Anziehungskraft die ihren eigenen Gesetzen folgt. Ein Wirrwarr von Seilen das von der Decke herabhängt wird gelöst, sie hängt Kugeln an den Seilen, lässt sie schwingen. Ein Eindruck von Weltall. Universum. Die Körperteile kommen ins Spiel. Unmögliche Kombinationen entstehen die durch dem Zusammenspiel und Nebeneinanderstellen mit dem echten Körper der Spielerin noch verwirrender sind. Der künstlische Körper entsteht flüchtig und zerfällt.

Eine Frau zerlegt, untersucht, umwandelt ihren eigenen Körper. Gleichzeitg gehören weder der künstlische noch der reale Körper ganz ihr, sie sind nicht frei von den Projektionen die schon im Vorfeld entstanden sind. Sie spiegeln gesellschaftliche Normierungen, Fremdbilder, Selbstbilder, Geschlechterkonventionen, Bellmers Blick auf den Frauenkörper, so wie das Frauenbild im Surrealismus und in der Kunst. Der Körper wird zu einem ambivalenten Material aus Ängsten und Sehnsüchten; der Spiel, Freude, Lust, Panik, Leiden und Begierde erzeugt. Dadurch rückt die Frage der Identität, die Auseinandersetzung mit  dem eigenen Körper, den Bedingungen des Frau-sein in den Vordergrund.

Somit greift sie Themen auf die in den Werken der surrealistischen Künstlerinnen viel präsenter sind als in denen ihrer männlichen Kollegen.

Doch über die Frauen im Surrealismus, das Frauenbild im Surrealismus und den Streit um Bellner schreibe ich im nächsten Teil… http://www.die-wo-spielen.de/2013/pandora-frequenz-2-die-spiele-der-frauen/

Prolog

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Kommentare

  • Julia Raab 29 | 11Julia :) I remember. Danke für den Beitrag.
  • User Avatar 12 | 04RiCo Toll gespielt, super dargestellt und das auch noch lustig verpackt! Da gibt es nichts zu meckern :- ) Supi
  • Pie 09 | 10Pie Spielt ihr eigentlich noch manchmal, oder lernt ihr nur?
  • Julia Raab 12 | 05 Hey, das klingt cool. Würde es sehr gerne sehen, bin auch in Bochum bis zum 18. aber fahre schon gegen 14:00 Uhr zurück nach Halle....
  • Pie 02 | 12Pie Naja, "Apokalypse" wird laut Recherche übersetzt als: Enthüllung, Entschleierung, der Schleier wird gelüftet, Offenbarung. Du als Sprachler kannst warscheinlich besser nachvollziehen, ob es ein Substantiv...